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Humanexperimente

Die luftfahrtmedizinischen Humanexperimente im KZ Dachau gehören zu den gut dokumentierten und erforschten Beispielen „entgrenzter Wissenschaft“ im NS-Staat. Unter den Angeklagten des Nürnberger Ärzteprozesses befand sich auch Doz. Dr. med. habil. Georg August Weltz, ein Radiologe und Röntgenphysiologe, dessen Hauptforschungsinteresse der Luftfahrtmedizin galt. Weltz war Mitglied der „Deutschen Röntgengesellschaft“, seit 1937 im Beirat der Gesellschaft und war 1938 Präsident des ersten „Großdeutschen Röntgenkongresses“ in München.

Weltz, der zwischen 1940 und 1945 Arbeits-, Sport- und Wehrphysiologie an der Universität München lehrte, musste sich im Nürnberger Ärzteprozess gemeinsam mit Siegfried Ruff und Hans-Wolfgang Romberg für die Unterkühlungs- und Höhen-/Druckkammer-Experimente verantworten; alle drei wurden freigesprochen. Ausgeführt hatte die oft tödlich verlaufenden Humanexperimente SS-Hauptsturmführer Dr. Sigmund Rascher. Die Druckkammerversuche wurden zwischen März und August 1942 im KZ Dachau in Kooperation von SS, Luftwaffe und dem universitären Forschungsinstitut für Luftfahrtmedizin an der Münchener Universität durchgeführt, dessen Direktor Prof. Dr. Weltz war. Etwa 200 Häftlinge waren beteiligt, von denen ca. 70 bis 80 unmittelbar während der Versuche starben. Die Versuche kalkulierten zum Teil den Tod der Versuchsperson ein und protokollierten minutiös den Sterbevorgang.

 

Weltz’ eigene Forschungsinteressen bewegten sich um 1942 auf dem Gebiet der Kälteforschung. So veröffentlichte Weltz 1942 einen Aufsatz zum Thema „Erwärmung nach lebensbedrohender Abkühlung. (Unter Benutzung eines Vortrages von Oberstabsarzt Weltz auf der Tagung „Seenot-Winternot“ der Luftwaffe am 26. Oktober 1942)“. Auf dieser „Seenot-Winternot“-Tagung, an der auch der damalige Vorsitzende der „Deutschen Röntgengesellschaft“, Dr. Werner Knothe, teilgenommen hatte, waren die Versuchsergebnisse Sigmund Raschers vorgestellt worden, die er aus den tödlich verlaufenen Humanexperimenten gewonnen hatte.

 

Luftfahrtmedizinische Forschungen wurden auch an anderen Universitäten durchgeführt. Selbst Dissertationen waren auf Humanexperimente hin angelegt, die keineswegs harmlos angelegt waren, wie aus den beiden Auszügen von Dissertationsgutachten von 1943 und 1944 hervorgeht. Die ethische Verrohung im Laufe des Krieges dokumentiert auch ein Erlass des Reichswissenschaftsministeriums vom 25. August 1941, nach dem das Ministerium bremsend eingreifen musste, weil Anfragen von universitären Forschern nach „Kriegsgefangenen als Objekte wissenschaftlicher Arbeiten“die Verwaltung der Wehrmacht zu überfluten drohten.

Georg August Weltz, Röntgenmuseum,
Foto 1928

KZ Dachau, Unterdruckversuche mit Häftlingen (bpk/Siegmund Rascher)

Lebensgefährliche luftfahrtphysiologische Humanexperimente in Universitäten. Prof. Dr. Carl Schilling [DRG-Mitglied] v. 7.3.1944. 2. Bericht zur Dissertationsarbeit (...) von Heinrich M. aus Hannover. (Universitätsarchiv Freiburg, B 54_5273_2)

Lebensgefährliche luftfahrtphysiologische Humanexperimente in Universitäten. (Universitätsarchiv Freiburg, B 54_5273)

Röntgenaufnahme des Dickdarms

(in: Berning, Heinrich: Die Dystrophie, Stuttgart 1949, S. 45, Abb. 10)

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