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DRG – Eine Fachgesellschaft im NS

Im „Reichsmedizinalkalender“ 1937 waren nur 470 Fachärzte für Röntgen-Diagnostik und -Therapie aufgeführt. Zu diesen müssen jedoch noch die „Röntgen­ärzte“ gezählt werden, meist ältere Mediziner, die neben ihrer eigentlichen Facharztausbildung auch über strahlendiagnostische oder -therapeutische Kenntnisse verfügten. Da die „Deutsche Röntgengesellschaft“ neben diesen beiden Ärztegruppen auch andere Fachärzte, (Medizinische) Physiker, Ingenieure und Industrielle aufnahm, betrug die Mitgliederzahl ein Vielfaches der strahlen­diagnostisch und -therapeutisch tätigen Mediziner. Die weiterhin schnell wachsende Bedeutung der medizinischen Strahlenkunde sorgte für kontinuier­lichen Mitgliederzuwachs, sodass die „Deutsche Röntgengesellschaft“ 1940 insgesamt 1453 Mitglieder zählte. Die Anbahnung erfolgreicher Kooperationen zwischen medizinischer Wissenschaft und Technik, Praxis und Industrie gelang in einem gemeinsamen Kommunikationsraum leichter.

Kurt Blome, stellvertretender Reichsgesundheitsführer, im Gespräch mit dem Röntgenologen Dr. Robert Janker, links Dr. Kittler (Ullstein-Bild, 28.8.1938)

Denkstein für die Märtyrer der Wissenschaft
Meyer, Hans (Hg.) Ehrenbuch der Röntgenologen und Radiologen aller Nationen (= Sonderbände zur Strahlentherapie, Bd. 22), Berlin, Wien 1937, S. VII)

Eine offensive politische Gängelung durch direkte Eingriffe von oben sollte nach Auffassung der zuständigen NSDAP-Gesundheitspolitiker ausdrücklich ver­mieden werden. Der gewählte Vorstand einer wissenschaftlichen Gesellschaft wurde jedoch in Zusammenarbeit mit Reichsärzteführer und Reichsgesundheitsamt auf die politischen und „rassemäßigen“ Grundanforderungen „durchgeprüft“, so ein Mitarbeiter des Reichsgesundheitsamtes.

 

Die Übernahme einer leitenden Funktion in einer der wissenschaft­lichen Fachgesellschaften wie der „Deutschen Röntgengesellschaft“ war nicht an die Mitgliedschaft in der NSDAP geknüpft, aber gerade in den medizinischen Berufen findet sich überdurchschnittlich häufig die Form einer „Selbstnazi­fizierung“. Es ist davon auszu­gehen, dass 44,8 % sämtlicher zwischen 1936 und 1945 bei der Reichsärztekammer registrierten Ärzte Mitglieder der NSDAP waren. Eine neuere Studie über die Rheinprovinz und Westfalen fand sogar eine Mitgliedsrate von rund 56 % und konstatiert für die dortige Ärzteschaft eine „NS-Bindung“, ver­standen als Mitgliedschaft in NSDAP und/oder Parteiorganisation bzw. -gliederung, von 74 %.

DRG-Vorsitzender Karl Frik (1934-1939)

(Deutsches Röntgenmuseum)

Im Gegensatz zu Karl Frik, der bis 1939 als Leiter der DRG fungiert hatte und nicht parteipolitisch gebunden war, hatte sich bis 1941 sein Nachfolger Werner Knothe ebenso für den Eintritt in die NSDAP entschieden wie der stellvertretende Vor­sitzende Carl Hermann Lasch. Die Mehrheit der Beiratsmitglieder (11 von 16) sowie der Landesleiter der „Deutschen Röntgengesellschaft“ (8 von 11) waren jedoch ebenfalls in die NSDAP eingetreten: Willy Baensch (Anwärter), Theodor Becker, Hans Erbsen, Rudolf Grashey, Heinrich Guthmann, Fedor Haenisch, Hans Holfelder, Hans-Joachim Körner, Willy Loepp, Carl-Wilhelm Lohmann, Joseph von Palugyay, Artur Pickhan, Alexander Wallnöfer und Georg August Weltz (Anwärter).

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